Sunday, August 14, 2016

Ancient Texts & I

Growing up a Mormon affected my relationship to books.

For a Mormon, books are more than just escape or entertainment or information, or even beauty or wisdom, they were a kind of window looking out on the eternal. Some books were special because they contained the word of God – and those books were old, written thousands of years ago by wild-eyed prophets, oversexed poets in perfumed desert tents, nameless historians trying to make sense out of past, present and future, radical religious rebels and perplexing visionaries.

I think that explains why I always had a tendency toward ancient texts, much more so than modern texts – modern books are fine, perhaps also more relevant and certainly more exciting (the ancient authors didn’t get suspense), but to me ancient texts are mysteries to be unraveled, holding truths we have lost today. That’s why when I began studying literature my interest immediately tended to the Middle Ages. Even today I revere the old books more than the new, starting in the Middle Ages but going as far into the modern age as Shakespeare, Cervantes and Montaigne. They have always seemed real to me, while most books written today seem less substantial (with some exceptions, like Rilke).

But there is another aspect – books like the Bible or the Book of Mormon are not chronological. If you read a Stephen King novel or Cervantes you have to start in the beginning and read it through. But Holy Scripture, like an encyclopedia – is not. You can open it to any page at any time and just read and you will have the feeling that you are receiving wisdom or casting an eye into the eternal.

And a lot of those ancient books I love have the same affect – you can pick up Boccaccio and read a story in the middle somewhere, and have the feeling you’ve understood something about human life. You can browse Gracian like the internet and always find something that applies to your life. One of my favorite modern books is “Cultural Amnesia” by Clive James, a collection of brilliant essays – you can pick it up and read anywhere at any time and you will get something out of it. I would love to be able to write a book like that.

As a kid I would sit and read the encyclopedia, and I still love encyclopedias and compendiums.

So it is that that I, when I am tired of the world around me, retreat to the old texts and look to them for wisdom, whether they be religious, like the Bible, or practical, how-to social behavior books like Gracian, or fiction like Wolfram von Eschenbach or Boccaccio or Ovid (though I admit I never got into Homer). I even often dream of rewriting some of these books to bring them into the modern age – in fact, I’m working on a modernization of Erasmus’s classic “In Praise of Folly”.

In the end, the old writers were not actually wiser than modern writers (and thanks to science, writers today know more about life and human behavior than the writers back then did – and if you’ve ever read medieval didactic literature or even writers like Aristotle or Confucius, you’d quickly see that the wrote a lot of bullshit), but somehow there still seems to be a difference to me – maybe writers back then saw their task as something holy – they weren’t simply writing to compete with other writers or to get on the bestseller list, they were looking for truth, or believed they had found it, and not some small detail of the truth or some cliché truth like “the universe is cold” or “love conquers all, but Truth with a capital T, Big Truth.

In so doing, they wrote books that defied genres and categories and somehow found a way to transcend the mundane world. Transcendence – that’s what I’m looking for when I turn to these kinds of books. And I wonder, will people 500 years from now look back at us and find books by our authors today that can transcend the world like the ancient texts did?

Thursday, August 20, 2015

Die deutsche Kultur ist stagniert

Auf Facebook kamen die Vor- und Nachteile des öffentlichen Rundfunks zur Sprache, und ich war erstaunt, wie viele Ausreden für dessen Versagen man erfand. Da kann ich den Mund nicht halten: Die deutsche Kultur heute ist längst stagniert, und das staatliche Mäzenatentum, einschließlich das ÖF-System, trägt daran die Hauptschuld.

Vergleichen wir die deutsche Kultur heute mit der Kultur fast jeder anderen Epoche in Deutschland: In den kurzen 15 Jahren der Weimarer Republik hat Deutschland die Kunst, Literatur, Film, Musik und Popkultur revolutioniert. Fast jede Genre, von der heute Hollywood lebt, kommt aus Berlin dieser Zeit. Auch andere Epochen habe Großes vollbracht: Vor der BRD war man daran gewöhnt, das Deutschland eine der führende Länder in der Hoch- und Popkultur war.

Die Deutschen wollen es heute aus Gründen des Patriotismus und des Selbstbildes nicht zugeben, aber die Kultur der BRD liegt mit wenigen Ausnahmen  (Lola rennt war wirklich gut; im Bereich Kunst kann sich Deutschland schon sehen lassen) brach, aus dem Niveau des Biedermeier, oder noch schlimmer: Stagniert, irrelevant, uninteressant, peinlich.

Machen Sie selbst den Test: Stellen Sie sich vor, Sie schreiben in 100 Jahren ein Buch über die deutsche Kultur und haben 100 Seiten. Was kommt rein? Beethoven, das hohe Mittelalter, die Weimarer Republik, klar ... und was von der BRD würden Sie da rein bringen? Wenn überhaupt, dann die Generation Böll, Grass, Reich-Ranicki. Nur: Diese Generation war nicht in der BRD, sondern in der Weimarer Republik bzw. in der Nazi-Zeit sozialisiert. Nachdem diese robuste, kämpferische Generation weg war: Nichts.

„Kultur“ heute ist vor allem Popkultur: Das liefert die Sounds, die Bilder, die Ideen, die Ikonen, die Geschichten unseres Lebens. Und von den Beatles bis Murakami, von Stars Wars bis Breaking Bad, diese Kultur wird aus dem Ausland importiert, weil die in Deutschland hergestellte Kultur im Vergleich fade, mutlos und imitativ ist.

Der Grund: das staatliche Mäzenatentum dominiert die gesamt Hoch- und Popkultur, allen anderen voran das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem, das von Politikern und politisch bestellten Gremien gelenkt wird und durch gesetzlich festgelegten Steuern finanziert wird: Das ist Staatsfernsehen; das ist das gleiche Mäzenatentum, das in obrigkeitsgläubigen Deutschland seit dem Mittelalter herrscht.

In den staatlichen Gremien, die das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem führen, sind die Staatsbeamte hochmotiviert, nicht negativ aufzufallen: Macht man etwas Neues oder Mutiges, und es floppt, ist man die Karriere los; macht man etwas, worüber ein Pastor im Rundfunkrat oder die Ehefrau eines Ministers abfällig äußert, ist die Karriere tot. Wer in der Popkultur in Deutschland eine Karriere hat, hat kapiert, dass er für Beamten arbeitet, und gestaltet seine Arbeit dementsprechend.

So funktioniert das Mäzenatentum: das ist Absicht. Der Staat benutzt sein Fernsehen, um sich ins Bild zu setzen und dem Publikum vorzumachen, dass sie in einer heilen Welt leben, in der, wie am Ende jedes Tatortes, alles von oben gut geregelt wird. Die Aufgabe des Staatsfernsehens ist es, im Volk Ruhe und Ordnung und Vertrauen im Staat zu inspirieren.

Das gilt nicht nur für das öffentlich-rechtlichen Fernsehen, sondern auch für die Privaten in Deutschland, die es nie geschafft haben, über das Niveau der Öffentlich-Rechtlichen hinaus zu gehen. Der Grund: Das Staatsfernsehen mit seinen unzähligen regionalen und Spartenkanälen beherrscht die ganze Popkultur, weil sie so krakenartig groß ist, dass niemand daran vorbeikommt. Jeder, der Film oder Fernsehen lernt, lernt irgendwann in staatlichen Hochschulen oder in staatlichen Rundfunkanstalten; jeder, der in den Privaten was zu sagen hat, kommt aus den staatlichen Institutionen oder weiß, dass er irgendwann in seiner Karriere dahin kommt.

Die Ausreden, warum das Staatsfernsehen doch eine gute Sache ist, sind alle fadenscheinig und irrelevant:

- „Ich will, dass meine Kinder ohne Werbung fernsehen.“ Gäbe es Kika etc. nicht, entstünde eine Marktlücke im Bezahlfernsehen für TV ohne Werbung. In den USA schaut man das z.B., auf Netflix oder HBO. Und zahlen muss man so oder so: Mit den GEZ-Gebühren finanziert jedes kinderlose Ehepaar, jeder Student, jede Kneipe, jeder Opa die Kika mit. Warum sollten die Eltern nicht selber das Fernsehen ihrer Kinder finanzieren?

- „Ich will eine Alternative zu dem Scheiß der Privaten haben.“ Überraschung: Das Niveau des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ist nicht höher als das der Privaten. Tatort ist vielleicht langsamer als ein RTL-Copshow, aber nicht intelligenter und nicht kulturell wertvoller. Das Musikantenstadl ist nicht intellektueller als der Dschungelcamp. Im Gegenteil: Der Dschungelcamp hält der Gesellschaft eine unangenehme Spiegel vor, in dem man sieht, was für schreckliche Menschen diese Kultur hervorbringen kann. Der Musikantenstadl dagegen spiegelt der Gesellschaft eine heile Welt vor. In der Kulturgeschichte nennt man dieses Phänomen „Biedermeier“.

Das erste, was passiert, wenn das öffentlich-rechtlichen Fernsehen eingestampft wird, ist folgendes: ein privates 24-Stunden-Volksmusikkanal wird auftauchen, gefolgt von einen „Bayern, kein schöner Land“-Regionalkanal, gefolgt von dem Tierdoku-Kanal, etc. Alles, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen ausstrahlt, kann man auch privat herstellen. Der Markt dafür gibt es ja.

- „Der Journalismus des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ist viel besser.“ Naja, erstens nicht wirklich. Es ist sehr oft tendenziös und staatshörig, und ebenso oft verkennt es – genau wie die deutschen Zeitungen – die Grenze zwischen Berichterstattung und Meinung. Was die Tagesschau kann, können auch seriösen privaten Sender wie CNN oder CBS/ABC/NBC.

Abgesehen davon muss das öffentlich-rechtlichen Fernsehen und der Tagesschau nicht ganz verschwinden. Ich denke, Deutschland verträgt und rechtfertigt ein staatlicher Kanal, vielleicht zwei: Ein Kanal bleibt, produziert weiterhin Tatort, Polittalkshows und Tagesschau und hat jeden Tag ein 1- oder 2-stündiges regionales Fenster, der von einem kleinen regionalen Team produziert wird. Ein Tagesschau reicht: Es gibt kein Grund, dutzende von staatlich geführten Nachrichtensendungen zu produzieren. Daneben dann Arte, oder ein Kanal, der abwechselnd regionale „Die Oma von Nebenan“-Sendungen bringt. Der Staat muss nicht ganz auf sein Sprachkanal verzichten, er soll bloß die ganze Kultur nicht mit in den Abgrund  herunterreißen. 16 staatlich geführten und finanzierten regionalen Sender braucht kein Land, und wenn das Volk ein Theaterkanal will, soll es selber dafür mit Abos bezahlen.

- „Die BBC hat auch öffentlich-rechtliches Fernsehen, und sie produziert herrliche Dinge.“ Erstens, die englische Tradition ist weniger obrigkeitshörig als die deutsche, und das kommt der BBC zugute. Die englische Tradition ist deutlich staatskritischer und staatsunabhängiger als die deutsche. Das geht sogar auf Shakespeare/Goethe zurück: Shakespeare war Privatunternehmer, Goethe schrieb für Mäzenen. Dazu kommt, dass die BBC immer ein bisschen hinter dem eigenen Potential hinkt. Das Beste, was die BBC in den letzten Jahren produziert hat, war „The Office“ (in Deutschland „Stromberg“) – nach 2 Staffeln wurde es aus intern politischen Gründen gecancelt. Ricky Gervais musste nach Hollywood, um die Sendung neu zu machen und auf 9 Staffeln zu verlängern – wie es auch verdient hat.

Und vor allem: Dass es der BBC gelingt, tolle Sachen herzustellen, dem deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen aber nicht, obwohl das deutsche System grösser und teurer ist, ist doch der endgültige Beweis dafür, dass das deutsche System nicht zu retten ist.

- „Ich will nicht, dass unser Fernsehen so schlimm wird wie in Amerika“. Sorry, aber das ist schon der Fall. Nein, es ist noch schlimmer: Wir Amis verbrechen einiges, wenn es um Fernsehen geht, aber ein Musikantenstadl haben wir noch nicht auf dem Gewissen. Wer nach Amerika zeigt, zeigt nur auf das Schlimmste, was es dort gibt, von Lokalnachrichten bis Fox News. „Gott sei dank haben wir das nicht hier.“ Aber genau das habt ihr hier: Haben Sie jemals die Nachtrichten auf RTL2 geschaut? Wussten Sie, dass Fox News nur 2 Millionen Zuschauer hat – und dass die Bild Zeitung ebenso 2 Millionen Leser hat?

Was aber Amerika hat - und Deutschland nicht  - ist, neben dem Scheiße, die Qualität: Wer Kultur liebt, schaltet nämlich Dschungelcamp nicht ein, sondern Mad Men und Breaking Bad. Sendungen, die nicht nur mutig, neu und anspruchsvoll sind, sondern auch etwas über das Land aussagen, in dem sie hergestellt werden. Das ist die Definition von Kultur, und das kann Deutschland nicht. Und das nicht nur seit kurzem: Auch vor Mad Men musste Deutschland Holocaust, Roots/Würzel und Dallas importieren. (“Moment mal, Deutschland war nicht in der Lage, Holocaust zu drehen? Aber das ist doch alles in Deutschland passiert. Wissen sie den dort überhaupt, was Fernsehen ist?”)

In ein paar Generationen werden die Kinder auf das „Neue Biedermeier“ der BRD im frühen 21. Jahrhundert zurückblicken und sich fragen, warum man damals nicht merkte, dass die Kultur damals völlig stagniert war. Und jemand wird sagen: „Sie haben lieber Ausreden gemacht, als etwas zu ändern.“


Thursday, August 13, 2015

Hula Ink Deutsch jetzt online!

Hula Ink.de auf Deutsch ist online! 

Unser erstes Buch auf Deutsch ebenso: 

"Der Tag, an dem dir klar wird, dass du deine Katze hasst und sie einschläfern willst, ist ein Schock. Nie, nie werde dieser Tag kommen, hast du gedacht, und dann – wie aus heiterem Himmel – ist er da. Aber auch wenn es dich überrascht, hat es sich doch lange und gründlich angebahnt. Es ist eine Art unbewusste Entwicklung, die sich über viele Jahre der Katzenhaltung weitgehend unbemerkt vollzogen hat."
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Saturday, August 01, 2015

Macht Kapitalismus die Welt besser oder schlechter?


Auf Facebook hat jemand geschrieben:

„Das Problem im Kapitalismus ist, dass sich alles finanziell lohnen muss. Das bedeutet, dass schöne Dinge, die keinen finanziellen Nutzen haben, in so einem System nicht entstehen oder erhalten werden. Heute würde niemand mehr eine Kathedrale bauen, die keinen wirklichen Nutzen hat (lassen wir die Kirchendiskussion mal außen vor). Oder die Fuggerei, das war eine Spende. Ach was, ganz Köln war ein Geschenk der Römer damals! Oder die Pyramiden. Die letzteren sind zwar mit Sklavenarbeit entstanden, aber der weltliche Nutzen der Pyramiden ist gleich Null. Im Kapitalismus gibt es nur Glaspaläste von Versicherungen und Banken, aber keine wirklich großen Antriebe, wie zum Beispiel ein einheitliches Stadtbild, etwas schönes oder ähnliches. ...“

Meine Antwort:

Das Argument hört sich nur oberflächlich stark an. Bei der Überprüfung sieht man, dass Sie auf einen rhetorischen Fehler reingefallen sind: Sie haben das Wort “alles” benutzt: “alles muss sich finanziell lohnen”. Damit haben Sie den Kapitalismus großer gemacht, als es ist. Kapitalismus ist nur ein Wirtschaftssystem und damit nur ein Teilbereich einer Gesellschaft: Der richtige Satz müsste nicht „alles“ heißen, sondern “jedes Unternehmen“ muss sich finanziell lohnen. Das stimmt dann auch: Das Ziel der Kapitalismus ist gewinnbringende Unternehmen.

Kein Kapitalist, auch kein kapitalistischer Staat, ist nur ein Unternehmen und sonst gar nichts. Ein Staat, auch jeder kapitalistischer Staat, besteht aus Wirtschaft, Zivilgesetze, Kultur, Religion, etc. Eine Kirche genießt Steuerfreiheit nicht, weil es profitabel geführt werden muss, sondern, weil der Staat sie für gesellschaftlich relevant hält. Eine Schule wird vom Steuerzahler/Staat finanziert, weil der Staat glaubt, jeder soll eine Chance zum sozialen Aufstieg haben, nicht nur die Kinder der Reichen. Die wenigsten Entscheidungen, die ein Politiker trifft, haben etwas mit Profitstreben zu tun – weil die Wirtschaft nur ein Teil der Gesellschaft ist.

Auch einzelne Menschen sind nicht nur “Kapitalistin”, sondern mehr: Bill Gates wollte, nachdem er sich dumm und dämlich verdient hat, etwas für die Welt tun und hat einen großen Teil seines Vermögens gespendet. In Amerika nennen wir das “Philanthropy” - es wird von allen Reichen erwartet, dass sie der Gesellschaft etwas zurück geben. Sie tun das nicht aus Profitstreben, sondern weil sie neben ihrer wirtschaftlichen Tätigkeiten auch noch in der Gesellschaft leben. In Amerika sind so gut wie alle Kirchen, Museen und privaten Universitäten zum größten Teil von privaten Spenden gefördert, vermutlich von Menschen, die ihr Geld über kapitalistischen Mittel verdient haben – und siehe da, wir haben die größten Museen, Kirchen und Universitäten der Welt.

„Im Kapitalismus gibt es nur Glaspaläste...“ Das stimmt einfach nicht. Erstens, Glaspaläste entsprechen dem Schönheitsideal unserer Zeit, genau wie Fachwerk dem Schönheitsideal einer vergangenen Zeit entspricht, das hat mit Trends zu tun, nicht mit Profitdenken – im Gegenteil, die schönsten Europas von den großen Steinpalasten über die Fachwerkpalästen der alten Kaufleuten entstanden nicht aus Liebe sondern 1) aufgrund von der Ausbeutung der Armen und 2) als Statusstreben der Reichen. Die Liebe zur Schönheit war da zweitrangig. Und: An den Glaspalästen unserer Zeit verdienen nicht nur die Reichen.

„Im Kapitalismus gibt es ... keine wirklich großen Antriebe...“ Das Gegenteil ist der Fall. Historisch kam 75% des technischen und kulturellen Fortschritts aus kapitalistischen Ländern. Auch in Deutschland waren es die von Kaufleuten geführte Städten, die den Fortschritt brachten, nicht die adeligen Burgen.

Auch heute ist die Welt nur noch von großen kapitalistischen Antrieben geprägt: Der Erfolg des Internets, die großen medizinischen Fortschritten, auch, um auf Deutschland zu kommen, das Auto – alles Kapitalismus. Selbst das Flüchtlingsproblem (Klartext: Massenmigration, die die Welt verändert) ist entstanden, weil Menschen aus armen Ländern in das reiche kapitalistischen Europa wollen – nicht um den Kölner Dom zu gucken, sondern, weil sie im Kapitalismus leben wollen.

Auch Ihre Beispiele zeigen, dass der Kapitalismus nicht “alles” ist im Leben eines Menschen oder einer Gesellschaft: Die Fugger waren unter den ersten wirklich großen Kapitalisten Deutschlands, ihr Erfolg bannte den Weg für den erfolgreichen deutschen Kapitalismus. Die Familie hat unter anderem die Fuggerei gespendet – nachdem sie reich waren – weil sie 1) der Gesellschaft etwas zurück geben wollten – sie lebten ja mit ihren Mitarbeitern, sie kannten ihre Mitmenschen und ihre Städte, neben ihrer Sorge um Profit machten sie sich schon auch Sorgen und die Zukunft und den Wohlstand ihrer Gemeinde – und 2) weil sie sozialen Status erreichen wollten: Sie gehörten zu den missachteten Kaufmannsleuten und strebten den sozial höheren Adelsschicht an. Am Ende bekamen sie auch den heiß erwünschtem Adelstitel, und sie mussten eine Menge dafür blechen. Statusstreben, die von Gesellschaft zu Gesellschaft anders definiert wird, hat auch nichts mit Kapitalismus zu tun und widerspricht oft dem Prinzip “Profitstreben”. Es ist aber auch ein Teil der Gesellschaft.

Deutschland hatte den Kölner Dom, es stimmt – Amerika hat einen Menschen auf den Mond gesetzt. Auch wenn eine Menge Technik dabei rausgesprungen ist, hatte das mit Profitstreben nichts zu tun, sondern mit nationaler Identität, und hat auch eine Menge gekostet. Ebenso die Eisenbahn im 19. Jahrhundert, das ging auf Steuerzahlertasche und auch wenn einige windige Kapitalisten den Staat ausgenommen haben, der Staat hat sich nicht aus Profitstreben ausnehmen lassen, sondern, weil er das für politisch notwendig hielt.

Auch die Regulierung des Kapitalismus kommt nicht aus Profitstreben, sondern aus dem Wunsch nach Stabilität und Chancengleichheit. Deshalb hat Amerika in 19. Jahrhundert die Anti-Kartell-Gesetze eingeführt, die den Kapitalismus stark begrenzt haben, deshalb hat Amerika neulich das Dodds-Frank-Gesetz eingeführt.

Es gehört zu den merkwürdigen Paradoxien des Lebens, dass kapitalistische Länder oft die selbstlosesten sind (damit meine ich nicht nur Amerika, sondern auch Deutschland – doch doch, Deutschland ist ein vorbildlich erfolgreiches kapitalistisches Land, vielleicht noch erfolgreicher als Amerika). Sie finden keine großzügigeren Menschen auf der Welt als in Amerika, und auch keine Menschen, die mehr Wert auf Lebensqualität – Bildung, Kultur, Spiritualität, gesellschaftlich Fairness – legen als Amerikaner. Schauen sie sich sine einen Disneyfilm an – werden da die Vorzüge des Profitstrebens gepredigt? Im Gegenteil, da werden ständig wirtschaftlich erfolgreiche Menschen (Vorbild: Der Vater in Mary Poppins) die Lektion beigebracht, dass Familie, Liebe, Schönheit und Natur die wichtigsten Werte sind. Heute werden die wichtigsten und nicht-kapitalistischsten Werte der Welt aus gerechnet aus dem kapitalistischen Amerika exportiert – unsere Popkultur, von Breakign Bad bis Mad Men, ist hochgradig Kapitalismuskritisch, viel kritischer als deutscher Popkultur, und DER Moraltrend unserer Zeit kommt auch aus Amerika: Gleichheit für Schwulen und der LGBT-Gemeinde. All das hat mit Profitdenken nichts zu tun.

Moderne Kapitalismuskritik funktioniert meist aufgrund von Pauschalisierungen und falscher Information – die Aussage, in einem kapitalistischen geführten Staat müsse “alles” aus Profitstreben passieren, ist ein solcher demagogischer/populistischer Satz, der nur funktioniert, wenn Menschen bereit sind, es zu schlucken, ohne darüber nachzudenken.

Friday, July 03, 2015

Hula Ink: Micropublisher officially launched!

Hula Ink! 

All my life as a writer I have lived with a dilemma. I believe most writers do.

On the one hand, I want to reach an audience. For this, I need to write something that a publisher can make money on, at least enough money to justify the investment in printing, distributions, all that. That is the only kind of book that can ever reach a large audience, and that is what a writer writes for - to be read.

On the other hand, there are things I just plain like to write that I know will never justify publishing. Short stories, for example, or essays, or experimental fiction that is just too weird for a mainstream audience.

Most writers, when they want to write something far from the mainstream, look for small journals to publish it, or they publish short essays in magazines. Others just write it because they love writing it and never show it to anyone. It sits in their desks and when they die their grandchildren take a look at it and say, "Huh, weird, I didn't know he wrote this stuff", and that's the end of it.

That can never replace the joy and urgency of writing for a broad audience - writing to be read. I am proud of the books I write for a broad audience and that audience is the most important thing in my life just after my girlfriend and my cat. (Actually, it's her cat. You see how she did that?). I love my readers and the books I write for them and I need that more than anything else.

But there are still other ideas, statements, characters and arguments that just don't go away. Once they get inside my head, I have to write them down. So once in a while I end up writing something that will only interest a handful of readers. Until now I would have had to file it away in a desk drawer somewhere and forget about it.

E-publishing changed all that. For the first time, it's possible for a writer to write the kind of texts he wants to and sell them online without the expensive apparatus of a traditional publisher. And if only three people read it, that's fine - that's why he wrote it, for these three people.

I founded Hula Ink to take advantage of that innovation in the marketplace.

With Hula Ink. I will publish works that print publishers cannot touch, mainly for a limited audience: short stories, but also longer texts that are too weird for the printed form, fiction and non-fiction, in English and German (I am an American ex-pat living in Berlin and I write in both languages). I will also re-publish my printed books here that are currently out-of-print, so fans can get them as e-books.

I will also publish similar works by a handful of friends: Ernie Poodle, who only write weird stuff that he never even tried to publish in his lifetime; Keiki Kailua, whose youth novel "The Boy With Green Hair" is too very personal and too sad for a mainstream publisher (I am trying to get her to write down her Hawaiian god stories as well); and dark crime and thriller stories by Astrid Ule and myself.

Hula Ink is a very personal publisher. I will publish what I like. It will be a mixed bag. There is no pressure to succeed, to make money, to get good reviews, to be successful in any way. It's just stuff I like from a handful of friends I like.

Go to our Web site here! 

I hope you like it!

- Eric T. Hansen

Thursday, July 02, 2015

Die Verantwortung liegt bei den Deutschen

In einer anderen Post, aber auch in der Presse und in manchen Kommentaren, lese ich eine Menge Ausreden, was die Deutschen und Griechenland angeht. Viele Deutsche rechtfertigen das Inkompetenz ihrer Regierung in der Europapolitik mit der Ausrede, dass die Griechen unverschämt sind oder nicht mit Geld umgehen können oder schon zu viele Chance gehabt haben. Das ist alles richtig – es spricht aber Deutschland nicht frei von seiner Verantwortung, Europa aus der Scheiße zu heben.
Weitere Ausreden höre ich, seitdem die Krise begonnen hat:
Die Europäer denken in Nationalstaaten, sie können in einer Föderation gar nicht denken, niemand hätte gedacht, dass es so schlimm um Griechenland jemals stehen könnte, und überhaupt, wir sprechen alle verschiedene Sprachen, unter diesen Umständen geht eine Union eigentlich gar nicht.
Das sind nur Ausreden.
Dass die Europäer nur in Nationalstaaten denken können, weil sie wohl zu dumm sind, um zu abstrahieren, ist ebenso an den Haaren herbeigezogen. Seitdem ich in Deutschland bin, höre ich nur von der überlegenen „europäischen“ Kultur, von der „europäischen“ Geschichte und Aufklärung; wenn ein Deutsche sich für sein Land schämt, sagt er, Ich fühle mich nicht als Deutscher, sondern eher als Europäer; und natürlich sind die Deutschen mehr als fähig, die Vorteile einer Währungsunion auszunutzen: Da sagt kein Daimlermanager, „Aber es gibt dieses Sprachproblem, und die Mentalität ist einfach so anders, wie soll ich mein Auto einem Rumänien denn verkaufen, wir haben nichts gemeinsam!
Wenn eine Föderation gut geht und profitabel ist, gibt es keine Mentalitäts- oder Sprachschwierigkeiten – das kommt nur, wenn Schwierigkeiten auftauchen, dann ist jeder plötzlich hilflos, vor allem die Deutschen, sie sonst die Weisheit und Menschensgüte mit Löffeln gefressen haben.
Ich weiß nicht, was die Lösung ist, und ich bin wohl der Meinung, dass die Griechen mehr als nur einen kleinen Teil der Schuld tragen an ihrer und an Europas Misere. Ich bin auch nicht überzeugt, dass die Tea-Party-ähnliche Merkelsche Sparpolitik ganz falsch ist – das wird sich erst herausstellen. Und das Spiel ist noch lange nicht vorbei –erst, als die Spieler behaupten, das spiel ist vorbei, fängt es erst richtig an.
Aber die Verantwortung in einer Föderation liegt klar bei der Mehrheit – also bei den anderen Ländern und bei der föderalen Regierung, die in diesem Fall faktisch aus Brüssel/Berlin besteht. Doch doch, die EU ist schon jetzt eine Föderation und hat faktisch eine föderale Regierung. Egal, wie viel Schuld Griechenland trägt und wie korrupt und unfähig die griechische Regierung ist, liegt die Verantwortung für Europa und die Verantwortung, Europa zusammen zu halten und aus der Krise zu bringen, bei Brüssel/Berlin.
Wenn ein Kind in Schwierigkeiten steckt, ist es egal, wie dumm er war, die Eltern haben die Verantwortung, ihn raus zu holen und ihn zu erziehen. Egal was passiert, die Geschichte wird die Schuld für das Scheitern Europas nicht in die Schuhe der Griechen legen, dafür ist Griechenland zu klein und Europa zu groß; sie wird die Schuld in den Schoss von Brüssel und Berlin legen. Und je mehr sich die Deutschen das ausreden, desto mehr Schuld an das Scheitern Europas werden sie tragen.

Thursday, June 11, 2015

Ist Anti-Amerikanismus eine Form von Rassismus?

Ist Anti-Amerikanismus eine Form von Rassismus?

(Ein FB-Freund stellte diese Frage in einer anderen Post; hier meine sehr sehr lange Antwort!)
Rassismus ist ein Vorteil oder ein Hass auf einen Menschen (ein Ami) oder eine Gruppe von Menschen (alle Amis) aufgrund ihrer Herkunft (weil sie eben Amerikaner sind). Meist wird Rassismus mit Hautfarbe verbunden, „Herkunft“ muss aber nicht immer durch die Hautfarbe erkennbar sein. Wenn ein Schwede alle Norweger hasst (ich denke an meine lieben Grossvater!), hat das nichts mit Hautfarbe zu tun, sondern mit Herkunft.

Rassismus erkennt man an mehreren Merkmale und Funktionen:

Historisch:

Der Anti-Amerikanismus beginnt vor der Gründung der USA: Schon im 18. Jahrhundert schrieb der französischer Naturwissenschaftler Georges-Louis Buffon ein Bestseller, indem er Amerika als ein Land beschrieb, wo die Natur minderwertig sei: es wachse nichts anständiges, keine anständige Ernährung sei möglich und das Land könne nur Untermenschen hervorbringen. Buffon hatte Amerika nie besucht.

Schon aus diesen Vorurteilen sieht man die Angst, die Europa vor dem riesigen neuen Land jenseits der Atlantik hatte: Den Europäern war schon damals klar, wenn es jemandem gelingt, dort eine Nation aufzubauen, könnte ein zukünftiges Amerika Europa an den Rand der Geschichte drängen – was ja auch passiert ist.

Diese Angst sieht man auch in den Kommentaren des Friedrich des Großen zur Gründung der USA: eine Demokratie könne niemals gelingen, weil das Pöbel zu chaotisch sei, sich selbst zu regieren. Da brachte er die berechtigte Angst zum Ausdruck, dass der Adel irgendwann in Zukunft abgelöst werden könnte. Weil die erste demokratische Revolution in Amerika stattfand, verband Europa die Angst vor der Demokratie mit Amerika – und tut es immer noch.

In der Weimarer Republik und in der Nazizeit wurde Amerika neben den Juden und Franzosen zum Hauptfeind des Volkes Nummer 1 erklärt (und mit ihnen die Banken, den Kapitalismus, die Demokratie und die imperialistische Kriegstreiberei der barbarischen Amerikaner). Die alten Vorurteile schwangen weiterhin mit: Amerika als Demokratie sei chaotisch und unregierbar, Amerika untergrabe die überlegene europäische Kultur, etc. Dieses Nazi-Gedankengut wurde von den 68ern wieder aufgenommen und sind heute wieder modisch, und zwar au den gleichen Gründen wie immer: Selbst Buffons Vorwurf der „schlechten Ernährung“ wird heute weiter hochgehalten, nur statt „Wassermelone“ als das ungesundeste Essen der Welt hinzustellen, ist es heute das Hamburger.

Wenn einer sich für die Geschichte des Anti-Amerikanismus interessiert, hier das Standardwerk (allerdings meist aus französischem Blick) des französischen Historikers Philippe Roger, "The American Enemy“.

Die Vorurteile entsprechen nicht der Realität:

Die Vorurteile gegen Amis heute sind die gleichen wie von damals: Amerikaner hätten keine Kultur, sind dumm und oberflächlich, denken nur an Geld, sind barbarische Hinterwäldler, Waffennarren, Rassisten und Glaubensfanatiker, sind Kriegstreiber und Imperialisten.

Inzwischen kommt ein großer Teil der Weltkultur aus Amerika, von den Museumsausstellungen bis hin zu gehobene Popkultur wie Mad Men, auch die besten Unis der Welt sitzen in Amerika und produzieren die wichtigste Forschung; neben seiner kapitalistischen Kultur pflegt Amerika eine starke anti-Kommerz-Kultur: amerikanische Reiche spenden mehr Geld als die meisten andere Reichen der Welt, die großen Hollywood-Filme stellen grundsätzlich den Kommerz und den Kapitalismus als negativ dar und solche Ideen wie „life balance“, die en Wert von Geld mit anderen Werten auszugleichen versucht, kommen aus Amerika. Konservative Amerikaner sind nach wie vor stark, aber nicht so stark wie die linken: Das sieht man schon daran, dass ein Linker im Weißen Haus sitzt. Mit den Ausnahmen von Waffengesetzen und die Todesstrafe in einigen konservativen Bundesstaaten sind konservative Werte seit Jahren auf dem Rückzug: immer weniger Amerikaner glauben an Gott; Frauen-, Schwulen- und Minderheitenrechte sind in Amerika ausgeprägter als in Deutschland; auch die amerikanische Fiskalpolitik ist linksliberaler als in Deutschland (deren Fiskalpolitik in der Griechenlandkrise mit der Politik der Tea Party vergleichbar ist) und die Regulierung der Börse ist in den USA deutlich strenger als in Europa.

All das wird weder von der Medienberichterstattung noch an den Stammtischen berücksichtigt. Die Tatsache, dass diese Vorurteile weiterhin gepflegt werden, im populären Bewusstsein festgesetzt sind und von den Medien gefördert werden, obwohl die Tatsachen ihnen widersprechen, zeigen, dass man Amerika nicht sachlich und neutral betrachtet, sondern durch den Filter der Vorurteile.

Die Negative Sonderstellung eines Volkes:

Rassismus merkt man auch an der Gewichtung in den Medien. Amerika ist nur ein Staat von vielen (das gleiche gilt für Israel). Deutschland sitzt nicht in Nordamerika, sondern in Europa; seine Nachbaren sind Frankreich, England und Polen; Deutschlands außenpolitische Verantwortung liegt klar in der EU – die EU-Staaten sind für Deutschland um einiges wichtiger als Amerika. Trotzdem findet man jeden Tag negative Berichterstattung über Amerika in den Zeitungen. Wann haben Sie das letzte Mal über eine rassistische Ausschreitung in Frankreich, England oder Schweden gelesen? Es passiert jeden Monat irgendwo an der Grenze zu Deutschland, doch die Zeitungen nehmen solche Vorfälle fast ausschließlich nur aus Amerika auf. Es wird deutlich anders über Amerika berichtet als über andere Nationen – so sehr, dass die historischen Vorurteile weiterhin bestätigt und gezielt gepflegt werden. Das ist ein Zeichen von Rassismus.

Der Unterschied zwischen „Amerikakritik“ und „Anti-Amerikanismus“:

(All das hier gilt übrigens ebenso für den Unterschied zwischen „Israelkritik“ und „Anti-Semitismus.)
Amerikakritik ist selbstverständlich angebracht – und niemand kritisiert Amerika so sehr wie die Amerikaner selbst (dass die Amis nicht in der Lage sind, sich selbst zu kritisieren, ist ein weiterer falscher Vorurteil). Kritik kippt in Anti-Amerikanismus um, wenn

1) Amerika deutlich mehr kritisiert wird als andere Länder – das weist auf ein Vorurteil hin, der gegen andere Länder nicht herrscht;

2) Die Kritik wird selbst nicht in Frage gestellt – wenn niemand sagt, „stimmt, ein US-TV-Format wie DSDS ist doof, andererseits kommt auch Mad Men aus Amerika“, oder „Wenn wir verlangen, dass die USA nicht mehr in Deutschland spioniert, müssen wir dann nicht selber aufhören, in den USA zu spionieren?“. Die Einseitigkeit von Kritik ist ein Zeichen, dass es keine Kritik ist, sondern Vorurteil; wenn ein Land ohne Gegendarstellung kritisiert wird, ist das keine Kritik, sondern Hetze; und

3) Anti-Amerikanismus, wie jede Form von Rassismus, dient einem auch politischen Zweck.

Politische Instrumentalisierung:

Rassismus ist deswegen ein wichtiger Werkzeug für Populisten, Demagogen und Betrüger, weil es emotional im Volk tief verankert ist. Will man das Volk manipulieren, greift man am besten auf etablierte Feindbilder zurück, vor allem, wenn sie starke Emotionen hervorrufen.

Hitler wusste, dass die meisten Deutschen die Juden hassten, deshalb baute er den Anti-Semitismus zu einer politischen Ideologie aus. Egal, welchen Schwachsinn er über die Juden verbreitete, fiel das sonst gut gebildete und sehr intelligente Volk darauf ein, weil es emotional dafür empfänglich war.
Was mancher Teilnehmer in der "Hart aber Fair"-Talkshow von Montag machten, war ein klassische Beispiel für die Instrumentalisierung von Rassismus und ich erlebe es in fast jeder politischen Diskussion, die ich in Deutschland habe. Das Thema war Putin und den G7-Gipfel. Anstatt mit direkten Argumenten auf diese Frage einzugehen (ob die Ausladung Putins richtig war), lenkte man damit ab, indem man die Annektierung der Krim mit dem amerikanischen Einmarsch in den Irak gleichsetzte: „Amerika hätte dafür ausgeladen werden sollen“.

Der Irak-Vorwurf war irrelevant und intellektuell korrupt: Wir Amerikaner haben längst selber eingestanden, dass es ein Fehler war, sogar, dass es völkerrechtswidrig war, und wir versuchen heute, den Fehler wieder gutzumachen. Die Frage, wie Europa mit einer militärischen Invasion und Annektierung am Rande der EU umgehen muss, wurde mit der Irakschuld nicht beantwortet. Trotzdem hatte es die gewünschte Wirkung, weil man sicher sein konnten, dass es im typischen deutschen Zuschauer eine starke emotionale Reaktion hervorruft, die alle intellektuelle Argumente beiseite fegt.

Darüber dient das Argument (ob in einer öffentlicher Diskussion oder am Stammtisch) dazu, mich persönlich zu diskreditieren und indirekt als Kriegstreiber abzustempeln – ohne mich jemals über meine Meinung zum Irakkrieg zu fragen (ich stehe, wie die meisten Amerikaner, dem Irakkrieg sehr kritisch gegenüber).

Das Argument, „Aber die Amis sind doch schlimmer!“ hat selten mit dem besprochenen Thema zu tun, sondern dient fast immer zur Ablenkung und zur emotionalen Herabsetzung. Das ist ein Merkmal von Rassismus.

Anti-Amerikanismus als Relativierung der historischen Schuld:

Die moralische Verteufelung Amerikas hat in Deutschland den spezifischen Zweck, die historische Schuld durch den Holocaust zu relativieren: Schaut her, Amerika ist schlimmer als wir, also können wir nicht so schlimm sein! Das ist der Grund, warum so viele Deutsche so tief emotional und irrational von der Idee eines überaus bösen Amerikas überzeugt sind, obwohl Amerika nicht böser oder netter ist als jedes andere Land der Welt.

Das ist übrigens verständlich: Die heutigen Deutschen müssen mit einem enormen historischen Last leben, an dem sie aber nicht schuld sind. Das ist unfair, und die Last ist grösser als bei jedem anderen Volk – wir Amis schämen uns für die Sklaverei und die Verdrängung der Indianer – das ist in den Medien und in der Politik ein ständiges Thema – aber es ist lange genug her, dass es nicht zu sehr belastet; die Chinesen und Russen (bzw. die ehemalige Sowjetunion) haben deutlich mehr Menschen getötet als die Nazis, aber sie verdrängen die Schuld einfach und basta. Nur die Deutschen müssen mit dieser massiven emotionalen Last leben.

Wenn sie allerdings zu Rassismus greifen, um sich von einer Schuld zu entlasten, tun sie genau das, was ihre Großeltern getan haben – einen Sündenbock suchen und finden. Ausgerechnet in Deutschland sollte man sich fragen, ob das so eine gute Idee ist.